Wenn Armut in Deutschland zur Abzocke wird
26. April 2007 von hb-Team
Noch allzu gut sind uns die schrecklichen Nachrichtenmeldungen in Erinnerung, bei denen ein Kleinkind in Bremen tot im Kühlschrank gefunden und ein Säugling von der Mutter aus einem Hochhaus in Hamburg geworfen wurde. Auch der heimische Garten dient „Eltern“ zunehmend als Friedhof, um neugeborene Kleinkinder zu verscharren, wie Fälle in Regensburg und ganz krass in Brieskow-Finkenheerd gezeigt haben.
Alles nur Einzelfälle oder doch das Ergebnis einer gesellschaftlichen Fehlentwicklung? Letzteres kann mit Fug und Recht behauptet werden, wenn man sich die rasant zunehmende Kinderarmut in Deutschland anschaut. Besonders hier Berlin ist die Situation unerträglich, was in einem aktuellen Beitrag im „Hauptstadtblog“ mit der Überschrift „Berlin – Hauptstadt der Kinderarmut“ nachgelesen werden kann. Und so wird es wohl auch in Zukunft Schlagzeilen wie „Kleinkind mit Kippe und Alkopops“ und „Verwahrlosung – Sechs Kinder, drei Kampfhunde, zwei Katzen“ geben, die uns an die eigene gesellschaftliche und damit soziale Kompetenz gegenüber unseren Mitmenschen erinnern.
Dazu passend erhielten wir gestern eine Email, die unsere erwähnte Kompetenz und eine mögliche Hilfsbereitschaft zunächst herausfordert.
Guten Tag lieber Mensch mit Herz!
Ich bin Vater von 4 kleinen Kindern und weiss keinen Rat mehr. Wir haben nichts mehr zu essen. Ich bin seit mehr als 8 Jahren arbeitslos, da ich schwer erkrankt bin. Ich bin zu stolz mir Hartz4 abzuholen. Ich dachte immer, schlimmer kann es nicht kommen. Aber ich musste feststellen, dass es nach unten keine Grenze gibt. Es wird Ihnen sicher nicht schwer fallen, mir einen 5 Euro Schein zu schicken. Wenn einige Leute mir helfen, dann sehe ich wieder Licht am Horizont. Bitte helfen Sie mir. Mit nur 5 Euro, die Ihnen sicher nicht weh tun.
Stecken Sie doch einfach den 5 Euro Schein in ein Kuvert und senden es an:
Thomas Veith, Amselweg XXXX, 06110 Halle Wenn Sie gerade keine Briefmarke haben ist das egal. Ich kann das Porto von den 5 Euro bezahlen.
Ich hoffe, dass Sie ein Herz haben und mir und meinen Kindern helfen werden.
Danke! Danke! Danke! Bitte die Mail an alle Menschen mit Herz weitersenden!
Thomas Veith
Wie gerne hätten wir mit 5 Euro geholfen. Schließlich hat die Mail unseren gut organisierten Spamfilter problemlos passiert und auch das Anliegen selbst wurde mit einer herzergreifenden Professionalität vorgetragen. Sind doch Wortschöpfungen wie „Arbeitslosigkeit“, „Hartz4“ und „Hunger“ die inszenierten Inbegriffe für den rapiden Niedergang unseres Sozialstaates und einer damit verbundenen Armut in Teilen der Bevölkerung. Wir hatten den Briefumschlag schon fast zugeklebt, als wir an die zahlreichen Nepper, Schlepper und Bauernfänger denken mussten, die sich in den endlos scheinenden Weiten des Web’s tummeln und versuchen, mit allen Mitteln an die „Nettokohle“ der Netzgemeinde zu kommen.
Nach kurzer telefonischer Recherche dürfen wir mitteilen, dass ein Thomas Veith und seine vier kleinen Kinder an der angegebenen Adresse nicht bekannt sind. Weiter teilten uns Anwohner mit, dass die in dem Haus befindlichen neun Wohneinheiten von ihrer Größe überhaupt nicht geeignet sind, um eine solche „arme“ und „hungernde“ Großfamilie zu beherbergen.
Pech gehabt, unsere 5 Euro wandern in die „Kaffeekasse“. Allerdings macht eine solche tausendfach per Email versandte Abzocke nachdenklich. Wie erreicht der ein oder andere gut gemeinte Spenden-Brief den Adressaten, wenn es ihn selbst und einen Briefkasten vor Ort gar nicht gibt. Nein, der in diesem Bereich tätige Briefzusteller hat sich eine solche „Schweinerei“ nicht ausgedacht, oder?
Liebe Grüße * Euer hb-Team
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Wenn jemand, der angeblich seit mehr als 8 Jahren arbeitslos ist, schwer krank ist und 4 kleine Kinder hat, zu “stolz” ist, staatliche Hilfe in Anspruch zu nehmen, dann klingeln bei mir sämtliche Alarmglocken…
Ich hätte den Briefumschlag noch nicht einmal in die Hand genommen… geschweige denn unter der Adresse nachgeforscht! Diese Art von Tränendrüsen-Abzocke grassiert wie Unkraut und schadet nur denjenigen, die es wirklich nötig haben.
Zum Thema “Deutschland und deine Kinder” siehe auch hier
@Don Farrago
Du bist halt ein kleveres Kerlchen. Leider funktioniert eine solche Masche immer noch und animiert uns, darüber zu berichten
Post von Thomas Veith…
Die Armutsgrenze hat sich weit verschoben in Deutschland. Hartz 4 ist in aller Munde und wird mal mehr, mal weniger Kompetent ausdiskutiert. Irgendwann haben einige Wortakrobaten sogar das Prekariat geschaffen, eine neue soziale Schicht – die unterste …
Abzocke made easy… Auch wir haben solche (ähnliche) Emails erhalten und nachgeschaut… die Rechere ist einfach und wird von wenigen durchgeführt. Bei anzunehmender Response von nur 5 Promille ergeben solche Aktionen 50.000 Euro und mehr per Postbrief… Easy, weil einfach irgendeine Adresse aus dem Telefonbuch gewählt wird und per Web zum Beispiel die gesamte Post an eine neue Adresse nachbestellt wird. Die Post liefert diese Bundesweit (sowas nennt sich dann ‘Nachsende-Antrag). Und: Rechtzeitig beantragt (4 Wochen Frist), wird auch ein ‘NoName’ an die neue Adresse geliefert – bedeutet: Die Person muss es gar nicht an der bekannten Adresse geben. Was bleibt? Aufpassen, Nachschauen… und nicht aufgeben helfen zu wollen.