Wowereit in den schulischen Niederungen der Hauptstadt
3. Februar 2007 von Strelon
Im Nachgang zu seinen Äußerungen in einem Fernsehinterview bei N24 „Er würde seine Kinder nicht gerne auf eine Kreuzberger Schule schicken“ Anfang Dezember 2006 (ich schrieb darüber) verbunden mit der sich anschließenden öffentlichen Kritik, wurde der Regierende Bürgermeister von der GEW (Gewerkschaft Erziehung und Wissenschaften) zu einer „Lehrstätten-Tour“ in den Berliner Bezirk Kreuzberg eingeladen, um sich selbst ein „ausgewähltes“ Bild machen zu können.
Dass der „politische“ Herr Wowereit eine solche Einladung nach dem Gesagten nicht ausschlagen kann, war klar. Und so besuchte er medienwirksam inszeniert am 25.01.2007 drei Berliner Schulen in dem Problembezirk, um thematische Aufarbeitung in eigener Anschauung zu betreiben. Natürlich findet ein solches “Event” unter reger Anteilnahme der Presse statt, und so durfte ich das an diesem Tag Geschehene in verschiedenen Artikeln entsprechend nachlesen. Hier einige Auszüge:
PR-Inside.com: Sinneswandel bei Wowereit – Berlins Regierender Bürgermeister Klaus Wowereit (SPD) hat seine Äußerung über Kreuzberger Schulen nach einem Besuch von drei Lehranstalten revidiert. Auf die Frage, ob er seine Kinder auf eine Kreuzberger Schule schicken würde, käme heute ein deutliches «Ja», sagte Wowereit am Donnerstag an der Kreuzberger Charlotte-Salomon-Grundschule.
rbb-online: Wowereit besuchte Kreuzberger Schulen – Nach dem Besuch an drei Schulen sprach er am Donnerstag von “sehr positiven” Eindrücken.
Also doch alles nicht so schlimm an den Kreuzberger „Ghetto-Schulen“ und eine Revidierung der damaligen Äußerung auf ganzer Linie. Völlig in Ordnung, jeder Mensch kann sich irren und schließlich hatte sich der Regierende schon wenig später nach dem Interview für seine Aussage entschuldigt.
An dieser Stelle könnte dieser Beitrag eigentlich enden und die Angelegenheit wäre auch für mich vom Tisch, wenn ich nicht noch den Beitrag in der “Berliner Zeitung” gelesen hätte. Dort stand:
Fast bis zum Ende hat Klaus Wowereit die Rolle des interessierten Besuchers durchgehalten. Der Regierende Bürgermeister lieferte sogar noch den Fotografen ihre Bilder, indem er mit Lotti, dem Schulhund der Charlotte-Salomon-Grundschule, posierte. Aber in der anschließenden Pressekonferenz sagte Wowereit sichtlich genervt, was er von der Veranstaltung hielt: ein Ritual, das nötig geworden war.
und
Während in den Schulen Wowereits Besuch insgesamt für Entspannung sorgte, zeigten sich die Bezirkspolitiker beleidigt. Die hatten Wowereit auch eingeladen. “Die drei Schulen, die Herr Wowereit besuchte, sind nicht die Kreuzberger Schulen, wohin er seine Kinder nicht schicken würde”, sagte Schulstadträtin Monika Herrmann.
Ach so. War es also eine von der “linken” GEW organisierte Begehung in Kreuzberger Vorzeigeschulen, welche den Sinneswandel bei Herrn Wowereit herbeigeführt haben? Möglich, denn schon zu Zeiten des real existierenden Sozialismus in der “DDR” wurden die mächtigen Genossen des Staates nur an Häusern vorbeigeführt, deren Fassaden frisch gestrichen waren. Diesbezüglich zahlt es sich jetzt wohl doch langsam aus, dass die PDS (SED) in Berlin mitregiert und den ein oder anderen wertvollen Hinweis in altkommunistischer Problembewältigung geben kann.
So positiv geblendet scheint Herr Wowereit dann auch jegliches Feingefühl für die tatsächlichen Forderungen der Lehrer und Schüler (mehr Personal, kleinere Klassen usw.) verloren zu haben. Darf man doch in einem Augenzeugenbericht bei “Spreeblick” unter dem Titel “Ene mene Muh” lesen:
Der Bürgermeister Wowereit hat unsere Schule besucht.
Das fanden wir toll und haben alles aufgeräumt und uns gekämmt. Er ist dann auch in unsere Klasse gekommen und hat für alle Autogramme gegeben. Unserer Lehrerin wollte er auch eins geben, aber die hat gesagt: „Ich brauche kein Autogramm von Ihnen, ich möchte lieber kleinere Klassen.
“Da hat der Bürgermeister uns gefragt: „Na, Kinder, wer von euch will denn gehen?“
Nun weiß ich auch noch, mit welchem Zynismus den Problemen an Berliner Schulen von höchster politischer Stelle begegnet wird. Aber vielleicht trifft ihn die eigene Unverschämtheit einmal selbst, wenn die Frage auftaucht, ob die Anzahl der Senatsmitglieder reduziert werden soll. Na, wer will jetzt gehen? Herr Bürgermeister!
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‘Wo ist denn nun der Clou?’ ……
… folgt auf “Ene mene muh”. Eine mehrstufige Story über die Selbstzenzur eines Bloggers.ZUSATZINFOSVorgeschichte
Jetzt fehlt nur noch die Vorgeschichte: Wowereit hat, wie beispielsweise die Welt oder die taz berichtete, in einem Interview ges…
Steht auch nett in der Zeit drin. Niemand will seine Kinder dorthin schicken. Jeder hat seine eigenen “Argumente”. Aber wenn der Bürgermeister das ausspricht, sind alle böse. Heuchler, ihr!
Ich kann ihn gut verstehen, an diesen Schulen sind viele Schüler mit Migrationshintergrund, die auch nicht im Kiga waren, also nicht vernünftig Deutsch sprechen. Da müssen die Lehrer denen erst einmal das beibringen. Und dann kommt der eigentliche Unterricht. Die Schüler von den Schulen haben es dadurch eher schwer. Von dem Ruf dieser Schulen und Stadtteile ganz abgesehen.
Der Skandal zeigt wieder mal den Skandal dahinter: dass es Kinder gibt, die nicht ordentlich Deutsch können, dass es Menschen gibt, die hier seit Jahrzehnten leben, die immer noch nicht integriert sind, dass unsere Gesellschaft immer noch nicht mit Deutschländern umgehen kann.
Waren ja nur GASTARBEITER, also Gäste. Die sollten hier bleiben, bis sie nicht mehr gebraucht wurden.
@hanneken
Sorry, aber was ist jetzt eigentlich Dein Anliegen? Ist mir wirklich nicht klar.
In erster Linie wollte ich darauf hinweisen, dass die meisten “Bürger” ihre Kids nicht in diese Schulen schicken, es aber ein riesen Hallo gibt, wenn’s mal jemand laut sagt.
Insofern war auch mein Heuchler gemeint.
Dann meinte ich, damit ich nicht in irgendeine Ecke gedrängt werde, in der ich nichts verloren habe, meine Meinung zum Thema Integratin ausdrücken zu müssen.
Hoffe, es ist jetzt klar geworden. Sonst einfach nachfragen
Warum ist die Lehrerin nicht selbst mit diesem Zitat zur Presse gegangen, die immerhin gleich nebenan gestanden haben soll? Warum haben offenbar zufällig genau in diesem Augenblick alle Journalisten in der Nähe weggehört?
Die Blogger haben den Eintrag gelöscht, nun ist nicht mehr herauszufinden, wer dieser angebliche Zeuge (ein Kind?) war. Man könnte jetzt unterstellen, das das Zitat bewusst im Kinderton geschrieben wurde, mit einer perfekt konstruierten Theaterpointe, die auf das Publikum bzw. den Leser zielt. Und der Rückzug aus den Blogs könnte nun als Eingeständnis dieses möglicherweise satirischen Streiches gewertet werden.
Das alles geschah angeblich mit Rücksicht auf die Schulen und die Kinder, um sie vor dem Ansturm einer Hetzkampagne á la Rütli durch die übliche Journaille zu schützen. Dumm gelaufen, denn jetzt ist das Zitat erst richtig Hype. Leider bleibt es ein Gerücht, wenn keiner gefunden wird, der das öffentlich bestätigt. Und solange es nur ein unbestätigtes Gerücht bleibt, kann es als Verleumdnungsvorwurf und damit als Waffe gegen selbsternannte Moralapostel verwendet werden, die jetzt laut vor Empörung aufschreien – also Vorsicht.
Seh ich ganz genauso. Diese Aufregung über Wowereit ist blanke Heuchelei. Ich mag Kreuzberg, habe lang dort & in Neukölln gelebt. Aber meinen Sohn würde ich dort noch nicht einmal zum Kindergarten schicken, ganz zu schweigen zur Schule. Und das ist eigentlich ein Allgemeinplatz, das macht fast jeder dort so der es sich leisten kann. Oder wo glaubst du, gehen die Kinder der Kreuzberger Lehrer die jetzt so empört tun zur Schule? In Kreuzberg? Muhahahaha
Wowis Witze…
Ist das witzig, wenn jemand auf die Forderung nach kleineren Schulklassen hin die anwesenden Schüler fragt, wer denn „gehen wolle“? Oder geschmacklos, gar politischer Selbstmord, dummerhaftig und höhnisch oder schwarzer Humor? Darum sollte es hie…
@Alle
Mir fallen zu Berlin nur noch die großen Worte von Ernst Reuter in seiner Rede am 9. September 1948 vor dem Reichstag ein: „Ihr Völker der Welt … Schaut auf diese Stadt und erkennt, dass ihr diese Stadt und dieses Volk nicht preisgeben dürft, nicht preisgeben könnt!“
Denn die Stadt ist mitlerweile unter Wowi & Co. zwar anders, aber ähnlich am Ende, wie damals.
Das sich die Situation an den Berliner Schulen seit Februar diesen Jahres in keinster Weise verändert hat, war zu erwarten. In einem aktuellen Artikel unter der Überschrift “Mit dem Messer ins Klassenzimmer” auf “Welt.de” werden die Zustände beschrieben. Besonders die Ausführungen der Lehrerin Ursula W. sind erschreckend:
Einfach nur traurig!