“Bild.de” gegen “Wikipedia” – Chronologie einer Attacke
17. November 2006 von hb-Team
Das für seine stets „fehlerfreie“ Berichterstattung „berüchtigte“ Online-Portal der größten deutschen Boulevardzeitung startete am vergangenen Montag (13.11.2006) eine Kampagne gegen das Internet-Lexikon „Wikipedia“ mit der Überschrift „Wiki-Fehlia – So zuverlässig ist Deutschlands beliebtestes Internet-Lexikon“. Da Bild.de mit diesem Beitrag natürlich nicht unbedingt die Zuverlässigkeit von „Wikipedia“ dokumentieren wollte, wurden entsprechend vermeintliche Fehler in verschiedenen Einträgen gefunden und aufgelistet. Die ganze Story wurde dann noch in guter alter „Leserreporter“-Tradition mit einem Aufruf an die Bürger verknüpft, weitere Fehler zu finden und diese der „Bild.de“-Redaktion zu melden.
Da man bekanntlich immer nur so hoch scheißen sollte wie der eigene Arsch reicht, wurden die von „Bild.de“ entdeckten Fehlerquellen schon am nächsten Tag (14.11.2006) von XSized in seinem Blog nachgeprüft und an einem konkreten Beispiel eindrucksvoll widerlegt.
Spätestens jetzt hätte Bild.de die Kampagne stoppen können oder gar müssen, da es immer gut ist, wenn man aus der eigenen „Fehlbarkeit“ Konsequenzen zieht. Für diese Redaktion aber untypisch und so erschien am Mittwoch (15.11.2006) ein weiterer Artikel mit der Schlagzeile „Wikifehlia – Dieter Thomas Heck in Internet-Lexikon beleidigt“. Darin empört sich „Bild.de“ wie folgt:
Wie bös dieses System ins Auge gehen kann, zeigt das Beispiel von TV-Star Dieter Thomas Heck (69). Das Online-Nachschlagewerk veröffentlichte empörende Verleumdungen über den beliebten Moderator!
So heißt es bei „Wikipedia“ in Hecks Lebenslauf, er habe „nach einem Bombenangriff drei Tage lang onanierend unter einer Kellertreppe“ gelegen: „Wegen dieses Traumas begann er nach seiner Rettung zu stottern.“
Hierzu stellt Tagleich der „BILDblog“ fest:
Die von “Bild” zitierten Passagen wurden nämlich am 13. November mittags von einem anonymen Nutzer abgeändert.
Ja richtig, hieß es doch bis dahin, dass Dieter Thomas Heck „nach einem Bombenangriff drei Tage lang verschüttet unter einer Kellertreppe“ lag.
Böse Zungen könnten jetzt behaupten, dass es vielleicht gar nicht der vagabundierende anonyme Scherzkeks war, der den Lebenslauf des beliebten Moderators bei Wikipedia verändert hat, sondern ein „Bild.de“-Redakteur selbst, um den oben genannten Artikel erst schreiben zu können. Nein, besonders bei „Bild.de“ undenkbar und völlig abwegig. Schließlich versteht sich die „VOLKS-BILD“ gerne als das Zentralorgan für Moral und Anstand in unserem geliebten Land.
Da aber wohl doch diese Art der „BILDschen“ Berichterstattung etwas aus dem Ruder läuft, fühlte sich gestern (16.11.2006) „Die Welt“ (ebenfalls Springer) dazu berufen, ein wenig kritisch über diese Aktion zu berichten. Dort konnte man folgendes lesen:
Kein Schelm, wer an kalkulierte Koinzidenz dabei denkt, dass besagte Zeitung, die Wikipedia als „Wikifehlia“ schmäht, kurz vor den biographischen Attentaten dazu aufgerufen hatte, in dem Forum nach Falschinformationen zu fahnden und diese zu melden. Auch dies ist potentieller Rufmord.
Allerdings vermied es der Autor gekonnt, wahrscheinlich in alter Verbundenheit mit der Schwester-Zeitung, deren Namen zu nennen oder gar in seinem Online-Artikel einen entsprechenden Link auf das kritisierte zu platzieren. Somit ist dieser journalistische Erguss wenig hilfreich und eigentlich überflüssig.
Nach all diesen Merkwürdigkeiten bleibt die abschließende Frage, warum ein so „renommiertes“ stark frequentiertes Internet-Portal wie „Bild.de“ zu einer derart flachen „Attacke“ auf „Wikipedia“ bläst. Ist es vielleicht die einfache Möglichkeit der „Bild“-Mitarbeiter den über Jahre aufgestauten Frust über die oft eigene fehlerhafte Berichterstattung kurzzeitig zu kompensieren? Oder gar angesichts sinkender Verkaufszahlen die Angst, dass andere Webseitenbetreiber schneller, richtiger und besser informieren als man selbst? Wir werden es nie erfahren. Uns bleibt nur die Hoffnung, dass wir in ein paar Jahren vielleicht in einer letzten großen fetten Schlagzeile lesen dürfen, dass „Bild“ die Berichterstattung in gedruckter und elektronischer Form in Gänze einstellt. Denkbar wäre es, da das zukünftige „Bild“-Leser-Prekariat behaftet mit einer ausgeprägten Leseschwäche und mangels Bildung die schon heute wenig anspruchsvollen und kurzen Texte dann gar nicht mehr lesen und verstehen kann.
Euer hb-Team
Nachtrag vom 18.11.2006: Die Attacke von „Bild.de“ geht hier mit geballter Kraft weiter und wird vom „BILDblog“ hier adäquat aufgearbeitet.
Tweet























Völlig unverständlich diese Attacke gegen BILD. Denn dass Wikipedia die reinste Wikifehlia ist, sollte allseits bekannt sein. Ein Idiot, wer Wikipedia auch nur liest, geschweige denn sich auf dieses Machwerk verlässt.
Also bis jetzt sind die meisten Artikel meines Fachgebietes gut gewesen. Meist genügt ein kurzer Überblick um zu sich zu bilden. Die Artikel werden teilweise von echten Fachleuten ihres Fachs geschrieben. Natürlich sind Fehler drin. Deswegen hat man ja einen Kopf und bedient sich dessen! Wer nur eine Textquelle heranzieht hat eh verloren, also finde ich die Fehler nicht so tragisch wie Herr Fries.