Deutschland/Berlin: Hartz IV in der Ostkurve
19. Mai 2006 von Strelon
Da ich schon öfters daran gedacht habe meine Erlebnisse beim Besuch eines Bundesligaspiels von Hertha BSC hier niederzuschreiben, kam die gestrige Meldung über den neunen Trikotsponsor gerade recht. Wie in mehreren Berliner Zeitungen zu lesen war, wird die Deutsche Bahn AG bis 2009 die durchtrainierten Oberkörper der Hauptstadtkicker zieren. Dafür erhält der Club, der in der abgelaufenen Saison sicherlich nur durchschnittliche sportliche Leistungen abgeliefert hat, ca. 8 Millionen Euro im Jahr. Die ständig etwas „klamme“ Hertha kann die Asche gut gebrauchen. Glückwunsch, guter Deal!
Dies vorausgeschickt, nun die Eindrücke von meinem letzten Besuch bei Hertha -in der Kathedrale des Fußballs- im Berliner Olympiastadion. Die Hertha spielte gegen den HSV und die „Hütte“ war mit 75.000 Zuschauern ausverkauft. Besonders die Ostkurve hatte es mir schon immer angetan. Einmal bei den echten so genannten „Hertha-Fröschen“ in der Fankurve sitzen (vielmehr stehen). Leider hatte ich auch diesmal nur eine Karte seitlich rechts von den Fanblöcken. Doch mein Blick auf die „Frösche“ war frei und so konnte man die eine oder andere optische Studie betreiben. Es viel mein Blick in der Hauptsache auf ein Paar, welches wahrscheinlich schon im Vorfeld des Events, ordentlich alkoholisch (so 2,0 Promille im Turm) vorgeladen hatte. Dies äußerte sich darin, dass beide miteinander pöbelnd, die ganze Fangemeinde in der unmittelbaren Nachbarschaft unterhielten. Er, ca.45 Jahre alt, stark übergewichtig, wahrscheinlich Alkoholiker, rauchend und erkennbar mit zahlreichen verfaulten Zähnen gesegnet. Sie, Anfang 40, ebenfalls extrem fett und von eher kleiner zwergenhafter Gestalt. Der Alkoholkonsum ebbte während des gesamten Spiels nicht ab, da die „Alte“ in regelmäßigen Abständen die 0,5 Liter Biereimer für 4,00 Euro das Stück anschleppte. Auch jeweils 2 Thüringer Rostbratwürste zu 3,50 Euro/Stück wurden in den 90 Minuten genüsslich verzehrt. Diesbezüglich war es auch interessant die Fankleidung zu betrachten. Das Paar hatte insgesamt ca. 20 Hertha-Schals (Stück 15,00 Euro) an Ihre Gürtel gebunden, 2 aktuelle Trikots (Stückpreis ca. 80.00 Euro), 2 Base-Caps (Stück 14,00 Euro) und unzählige Aufnäher (Stück 5,00 Euro) auf der Fan-Weste vorzuzeigen. Ich fragte mich eine kurze Zeit, ob das Paar wohl einer geregelten Arbeit nachgeht, um sich den Luxus (Eintrittskarte, Bier, Würste, Fanartikel) in der Ostkurve auch leisten zu können. Diese Frage hatte ich schnell für mich beantwortet. Es ist einfach unmöglich, dass ein Arbeitgeber derart degenerierte Gestalten auch nur im Ansatz beschäftigen kann. Selbst bei einer angenommen Vollbeschäftigung in unserem Land, hätten diese beiden keine Chance. Ich kam zu dem Ergebnis, dass es also Hartz IV sein muss, welches es den beiden ermöglicht, den Samstagnachmittag in der besagten Ostkurve zu verbringen. Mit dieser Erkenntnis konnte ich jetzt nicht einmal mehr meinem Nachbarn sagen: „Schau mal, die beiden Asozialen da drüben!“
Eine solche Aussage wäre nämlich schlicht falsch gewesen, denn diese Beiden leben nicht «am Rand unserer Gesellschaft», sondern mitten unter uns. Wenn man das sieht, hat nur noch eine Frage nachhaltig Bestand: Warum haben die Väter der Bundesrepublik Deutschland und ihre politischen Erben die Begriffe Sozialstaat und Sozialgemeinschaft nicht anders definiert?
Euer
P.S.: Das Spiel endete übrigens 4:2 für die Hertha.
